Mikrostrom Leitgel: was stimmt und was nicht

Kurz gesagt: Das Gel ist ein Kontaktmittel, kein Wirkstoff. Es hält die oberste Hautschicht feucht, damit der Strom überhaupt eintritt.

  • Brauchst du eins? Ja. Ohne Kontaktschicht kommt kaum Strom in die Haut, und es piekst.
  • Geht Wasser? Elektrisch ja, praktisch nein. Es ist in Sekunden weg.
  • Geht Aloe vera? Oft ja, aber es läuft, trocknet an und enthält häufig Alkohol und Duftstoffe.
  • Geht Ultraschallgel aus der Apotheke? Für reinen Mikrostrom fast immer. Sobald dein Gerät auch Radiofrequenz hat, nicht mehr zuverlässig.
  • Muss es das teure Gel sein? Nein. Nur ist das billige eben auch nicht fürs Gesicht gemacht.

Es ist halb zehn, du stehst im Bad, das Gesicht ist gereinigt, und du drückst die Tube aus. Es kommt fast nichts mehr.

Drei Wochen hat sie gehalten. Du drehst sie um, quetschst den Rest auf die Fingerkuppen und rechnest im Kopf kurz aus, was das im Jahr wird.

Am nächsten Tag suchst du nach einer Alternative und liest drei Sätze, die sich gegenseitig widersprechen. Nimm einfach Aloe vera. Nimm auf keinen Fall irgendetwas anderes. Nimm Ultraschallgel aus der Apotheke, das sei ohnehin dasselbe.

Die Frage ist nicht, welches Gel das beste ist. Die Frage ist, wofür das Gel überhaupt da ist, denn danach beantwortet sich der Rest fast von allein.

Was das Gel wirklich macht

Mikrostrom arbeitet mit Stromstärken zwischen ungefähr 10 und 600 Mikroampere. Das ist so wenig, dass du es normalerweise nicht spürst. Damit davon überhaupt etwas in der Haut ankommt, muss der Strom an einer Stelle vorbei, die genau dafür nicht gebaut ist.

Der elektrische Widerstand deiner Haut sitzt fast vollständig in der obersten Schicht, der Hornschicht. Das ist die dünne, verhornte Lage abgestorbener Zellen ganz außen. Trocken und intakt liegt sie bei etwa 20.000 bis 30.000 Ohm pro Quadratzentimeter, feucht nur noch bei rund 500.

Leitfähig ist dabei nicht das Wasser selbst, sondern das, was darin gelöst ist. Destilliertes Wasser leitet praktisch gar nicht. Salze, Mineralien und Elektrolyte leiten.

Das Gel macht also zwei Dinge und sonst nichts: Es hält die Hornschicht während der ganzen Anwendung feucht, und es verteilt den Strom gleichmäßig über die gesamte Elektrodenfläche statt über ein paar trockene Kontaktpunkte.

„Wasser tut es auch"

Elektrisch stimmt das. Leitungswasser enthält gelöste Mineralien, es leitet, und wer eine Prise Salz dazugibt, verbessert das sogar noch.

Praktisch scheitert es an der Standzeit. Wasser läuft ab und verdunstet, und zwar in Sekunden. Bis du von der Stirn an der Kinnlinie angekommen bist, ist die Stirn längst wieder trocken und der Widerstand zurück auf dem alten Wert.

Ein Gel ist im Kern nichts anderes als Wasser, das bleibt, wo du es hingetan hast. Was der Strom danach in der Haut anstellt, ist eine eigene Geschichte und steht im großen Guide zu Mikrostrom im Gesicht.

„Aloe vera funktioniert genauso"

Halb richtig, und die Hälfte, die stimmt, ist die elektrische. Aloe ist im Wesentlichen Wasser mit gelösten Mineralstoffen. Es leitet.

Woran es scheitert, ist die Konsistenz. Reines Aloe-vera-Gel ist eigentlich kein Gel, sondern eher ein Saft. Es läuft dir vom Wangenknochen, es trocknet schnell an, und das Gerät gleitet danach nicht mehr, sondern zieht.

Dazu kommt, was in den Tuben aus der Drogerie sonst noch steckt: Alkohol, Duftstoffe, Säuren. Auf Haut, über die du zehn Minuten lang ein Metallköpfchen ziehst, ist das keine glückliche Kombination.

Es funktioniert bei vielen trotzdem. Es bleibt ein Bastelprodukt.

„Mein Hyaluronserum reicht doch"

Wenn es wasserbasiert und ölfrei ist, leitet es. Der Haken ist derselbe wie beim Wasser: Ein Serum ist darauf formuliert, einzuziehen. Ein Leitgel ist darauf formuliert, oben zu bleiben. Nach zwei Minuten ist deine Kontaktschicht weg.

Interessanter ist die Kombination. Ein Hyaluronserum als Unterlage, das Leitgel dünn darüber, und du kommst mit deutlich weniger Gel durch die Anwendung.

Woran du im Regal erkennst, ob etwas als Kontaktmittel taugt, ist überschaubar:

  • wasserbasiert, Wasser steht an erster Stelle der Zutaten
  • gelartig statt flüssig, damit es liegen bleibt
  • ohne Öl und ohne Silikone, denn beide isolieren
  • ohne Alkohol, Duftstoffe und Säuren, weil die Haut darunter länger unter Kontakt steht als sonst

Öl ist dabei der harte Ausschluss. Eine reichhaltige Creme unter der Elektrode ist keine Kontaktschicht, sondern eine Isolierung.

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„Ultraschallgel aus der Apotheke ist dasselbe"

Für reinen Mikrostrom: fast. Es ist wasserbasiert, es leitet zuverlässig, und es kostet einen Bruchteil. Ein Liter liegt in der Apotheke bei ungefähr vier Euro.

Zwei Unterschiede bleiben. Es ist für die Ankopplung von Schall formuliert und nicht für Elektroden, ihm fehlt also das zugesetzte Salz. Und es trocknet schneller an, klebt dabei, und du musst es hinterher abwaschen.

Mittel Leitet Bleibt feucht Fürs Gesicht gedacht
Wasser ja nein nein
Reines Aloe-vera-Gel ja kaum teilweise
Ultraschallgel ja mittel nein
Leitgel fürs Gesicht ja ja ja

Und das Kontaktgel vom Bauchgerät? Elektrisch geht das, fürs Gesicht eher nicht, weil es auf dickere und unempfindlichere Haut ausgelegt ist. Wo Mikrostrom sonst noch am Körper eingesetzt wird, steht im Guide zu Mikrostrom bei Cellulite.

Der eigentliche Haken ist ein anderer, und er wird fast nirgends genannt. Sobald dein Gerät auch Radiofrequenz kann, arbeitet es mit Wärme. Gele für Radiofrequenz sind glycerinbasiert, damit sie unter Wärme nicht eintrocknen. Ein Ultraschallgel tut genau das.

„Das Markengel ist nur ein Abo-Modell"

Der Vorwurf hat einen wahren Kern, und es wäre unehrlich, ihn wegzureden. Pro Milliliter kostet ein Gel fürs Gesicht ein Vielfaches von Apothekengel. Das gilt für jedes Gel in dieser Kategorie, unseres eingeschlossen.

Was du dabei bezahlst, ist nicht mehr Leitfähigkeit. Es ist, dass die Schicht eine ganze Sitzung lang feucht bleibt, dass das Köpfchen darauf gleitet, dass kein Parfüm darin ist und dass du hinterher nichts abwaschen musst.

Hundert Milliliter reichen bei den meisten für ungefähr dreißig Ganzgesichtsanwendungen. Rechne es einmal auf die einzelne Anwendung herunter. Diese Zahl ist ehrlicher als der Preis auf der Tube.

Wer gar kein Verbrauchsmaterial möchte, ist bei Geräten richtig, die mit Licht statt mit Strom arbeiten. Ein Rotlicht-Panel braucht überhaupt kein Kontaktmittel.

„Wenn es piekst, habe ich zu wenig genommen"

Das stimmt. Der Grund dahinter ist der nützlichere Teil.

Ohne durchgehende Schicht berührt die Elektrode deine Haut nur an wenigen Punkten. Der Strom sucht sich genau diese Punkte und konzentriert sich dort, und deshalb wird er plötzlich spürbar. Das Piksen ist kein Zeichen von Wirkung, es ist ein Kontaktproblem.

Der falsche Reflex ist, die Intensität hochzudrehen. Der richtige ist, Gel nachzulegen.

Mehr hilft trotzdem nicht mehr. Sobald die Schicht lückenlos und feucht ist, bringt die nächste Portion elektrisch nichts. Großzügig auftragen ist eine Versicherung gegen Antrocknen, kein Verstärker.

Und wenn dir das Gel unterwegs trotzdem antrocknet, arbeite zonenweise statt im ganzen Gesicht. In welcher Reihenfolge das sinnvoll ist, steht dort, wo wir aufgeschrieben haben, wie du das Gerät richtig führst.

Was das Gel nicht kann

Es ist ein Kontaktmittel. Die Wirkstoffe darin, Hyaluron, Peptide, was auch immer auf der Tube steht, haben mit der Stromübertragung nichts zu tun. Sie sind so gut oder so mittelmäßig wie in jedem Serum, und der Strom macht sie nicht wirksamer.

Dazu kommt eine Lücke, die kaum jemand ausspricht: Es gibt keine Vergleichsdaten. Zu der Frage, ob eine Gelrezeptur im Ergebnis besser abschneidet als eine andere, ist mir nichts begegnet, weder aus der Forschung noch von Herstellern. Wer dir sagt, sein Gel leite besser, hat dafür eine Produktbeschreibung und keine Messung.

Wenn dich die Gelfrage grundsätzlich nervt: Im Gesicht kommt eine LED-Maske ganz ohne Kontaktmittel aus, weil Licht kein Medium braucht.

Und wenn bei dir nach Wochen nichts passiert, liegt das selten am Gel. Warum Mikrostrom nicht bei jedem funktioniert, ist eine eigene Frage.

Wenn du bisher zwischen drei widersprüchlichen Empfehlungen gestanden hast, lag das nicht an dir. Kaum jemand schreibt hin, dass die Leitfähigkeit von gelösten Ionen kommt und nicht vom Wasser. Ohne diesen einen Satz lässt sich die Ersatzfrage schlicht nicht beantworten, und deshalb widersprechen sich die Ratgeber.

Uns ist lieber, du verstehst, was die Tube in deiner Hand tut, als dass du ihr glaubst. Dann kannst du im Regal selbst entscheiden, und diese Entscheidung hält auch beim nächsten Gerät.

Dreh die Tube um und lies die ersten fünf Zutaten. Mehr braucht es meistens nicht.

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